Die überraschende Geschichte der Compact Cassette

Warum aus einem einfachen Diktiermedium eines der erfolgreichsten Musikformate der Welt wurde

Die Compact Cassette gehört zu den folgenreichsten Erfindungen der Audiotechnik, und ihre Geschichte beginnt mit einem Holzklotz in einer Jackentasche.

Berlin, 28. August 1963:

Auf der 23. Großen Deutschen Funkausstellung drängen sich die Besucher an den Ständen. Es gibt Fernseher zu bewundern, Röhrenradios und Plattenspieler. Dann steht da, fast unscheinbar, ein kleines Gerät auf einem Tisch: der Philips EL 3300.

Er ist transistorbetrieben, mit Batteriefach für fünf Babyzellen, und dazu eine flache Kunststoffschachtel, kaum größer als ein Taschenbuch. Wer an diesem Tag aufmerksam hingesehen hat, der hat Zeitgeschichte erlebt, auch wenn die wenigsten das damals so gesehen haben dürften.

Es war der erste öffentliche Auftritt der Compact Cassette. Dass sie einmal den Alltag von Hunderten Millionen Menschen prägen würde, ahnte in diesem Moment noch niemand. Nicht einmal ihr Erfinder, der niederländische Philips-Ingenieur Lou Ottens.

Ich selbst habe in meiner Sammlung einige Kassettengeräte aus genau jenen Jahren, in denen dieses Format seine erste Hochzeit erlebte. Was mich dabei bis heute fasziniert: wie aus einem so pragmatischen Ansatz etwas entstehen konnte, das eine ganze Generation musikalisch geprägt hat. Zwar ist der hier gezeigte Philips EL3301 schon der Nachfolger des ersten Philips-Kassettenrekorders mit Compact Cassette, diesem aber sehr ähnlich.

Ein Mann und ein Holzklotz

Die Geschichte beginnt drei Jahre früher, 1960, in Hasselt im belgischen Limburg. Dort hat Philips ein neues Werk aufgebaut, und dort arbeitet ein kleines Team unter der Leitung eines niederländischen Ingenieurs namens Lou Ottens.

Sein Auftrag: ein handliches Tonbandformat entwickeln, das sich für den Massenmarkt eignet. Die großen Spulengeräte, die zu dieser Zeit in Wohnzimmern stehen, sind teuer, sperrig und oft umständlich zu bedienen. Sie richten sich an Enthusiasten, aber nicht an die breite Öffentlichkeit.

Ottens hat eine klare Vorstellung davon, wie das neue Format aussehen soll. Es muss in eine Jackentasche passen. Nichts anderes zählt erst einmal.

Um das Zielmaß festzulegen, greift er zu einem schlichten Hilfsmittel: Er schnitzt einen Holzklotz in der Größe, die ihm vorschwebt, und trägt ihn mit sich herum. In der Hosentasche. Im Jackett. Am Schreibtisch. Passt er? Stört er? Fühlt er sich richtig an? Aus diesem hölzernen Prototyp werden am Ende die späteren Maße der Compact Cassette: 10 mal 6,3 mal 1,27 Zentimeter. Schlicht, durchdacht und bis heute unverändert.

Das Band in dieser Kassette ist gerade einmal 3,81 Millimeter breit und damit weniger als halb so breit wie das Band in einem typischen Spulentonbandgerät. Die Bandgeschwindigkeit liegt bei 4,75 Zentimetern pro Sekunde im Vergleich zu der bei Consumer-Tonbandgeräten gängigen Bandgeschwindigkeitz von 9,5 Zentimetern pro Sekunde, also deutlich langsamer als bei den Bandmaschinen der Zeit.

Aber das war eine bewusste Entscheidung: Nicht maximale Klangqualität war das Ziel, sondern maximale Handlichkeit. Die Kompromisse nahm Ottens in Kauf. Er wusste: Ein Format, das niemand benutzt, nützt auch niemandem.

Der Verrat an Max Grundig

Während Ottens‘ Team in Hasselt an der Zweiloch-Kassette arbeitete, lief in Wien ein anderes Projekt. Philips entwickelte dort zunächst gemeinsam mit Grundig eine sogenannte Einloch-Kassette, die auf höhere Klangqualität ausgerichtet war. Max Grundig, damals der größte Tonbandhersteller Deutschlands, war Partner und glaubte, an der Zukunft des Kassettenformats beteiligt zu sein.

Dann fiel die Entscheidung in der Philips-Chefetage: die Zweiloch-Kassette aus Hasselt bekommt den Vorzug. Die Einloch-Kassette, an der Grundig mitgewirkt hatte, fliegt raus.

Lou Ottens erinnerte sich später: Der wütende Max Grundig hat sofort die Zusammenarbeit mit Philips gekündigt und seine Entwickler beauftragt, so schnell wie möglich das eigene Kassettensystem fertigzustellen.

Was folgte, war ein offener Formatkrieg. Grundig stellte 1965 auf der Funkausstellung das eigene System vor: die „DC International“, kurz für Doppel-Cassette International. Das war eine Zweispulenkassette, die etwas größer war als die Philips-Kassette und von Beginn an mit Unterstützung mehrerer Unternehmen auf internationalem Parkett auftreten sollte. Telefunken war dabei, Leerkassetten gab es von BASF und Agfa. Es sah zunächst nach einem echten Wettbewerb aus.

Aber Grundig hatte sich mit seinem Ärger auf das falsche Pferd gesetzt. Die DC International war größer, teurer, und sie kam zwei Jahre zu spät auf einen Markt, den Philips bereits zu besetzen begonnen hatte. Bereits 1967 wurde das System wieder eingestellt. Grundig selbst präsentierte auf der Berliner Funkausstellung desselben Jahres ein neues Gerät, das nun Philips-Kassetten abspielte. Der Krieg war also vorbei, bevor er richtig begonnen hatte.

Die Reise nach Japan und ein verdächtiger Bluff

Philips wusste, dass sich die Compact Cassette nur dann weltweit durchsetzen würde, wenn Japan mitzog. Die japanischen Elektronikunternehmen waren in den 1960er Jahren auf dem Vormarsch und hatten begonnen, eigene Kassettenformate zu bauen. Alle waren etwas größer als die Philips-Kassette, alle inkompatibel untereinander. Das drohte ein Chaos zu werden.

Lou Ottens flog nach Japan, um mit dem damaligen Sony-Chef Norio Ohga zu verhandeln. Philips wollte Lizenzgebühren. Ohga wollte nicht zahlen. Und dann spielte er einen Trumpf aus: Grundig, sagte er, habe Sony gerade erst die DC International kostenlos angeboten.

Ob dieses Angebot wirklich existiert hat, lässt sich heute nicht mehr klären. Lou Ottens vermutete im Nachhinein einen Bluff. Fakt ist: Philips lenkte ein und verzichtete auf Lizenzgebühren. Und die Compact Cassette wurde ein Welterfolg.

Es war ein Geschäft mit Konsequenzen. Denn durch die kostenlosen Lizenzen wurden japanische Hersteller zu den eifrigsten Produzenten von Kassettengeräten aller Preisklassen. Der Markt explodierte. Gleichzeitig hatten die Niederländer die Kontrolle über ihr eigenes Format ein Stück weit abgegeben.

Das Rauschen verschwindet, die Kassette wird erwachsen

In den frühen Jahren litt die Compact Cassette unter einem grundsätzlichen Problem: Sie rauschte. Das schmale, langsam laufende Band erzeugte ein hörbares Grundrauschen, das bei leisen Passagen störend hervortrat. Wer auf Klangqualität Wert legte, griff zur Bandmaschine.

Das änderte sich 1968, als das Dolby-B-Rauschunterdrückungsverfahren für Kassetten eingeführt wurde. Mit seiner Hilfe konnte das lästige Bandrauschen deutlich reduziert werden. Das war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Alltagstauglichkeit der Kassette auch für anspruchsvollere Hörer. In den folgenden Jahren verbesserten sich Bandmaterialien, Tonköpfe und Laufwerke stetig. Chrom- und später Metallbänder ermöglichten eine Klangqualität, die den alten Vorwurf der Minderwertigkeit zunehmend entkräftete.

Ebenfalls 1968 brachte Philips das erste Autoradio mit Kassettenfunktion auf den Markt. Die Kassette verließ das Wohnzimmer.

1979: Der Walkman vollendet das Werk

Dann kam Sony und tat das, was eigentlich Philips‘ Stunde hätte sein sollen.

1979 brachte Sony den Walkman auf den Markt: ein tragbares Kassettengerät, welches kaum größer war als die Kompakt-Kassette selbst, mit Kopfhörern. Musik in Stereo für unterwegs, ohne Lautsprecher und dafür mit kopfhörer, sonst ohne Kompromisse. Es war die konsequenteste Umsetzung von Lou Ottens‘ ursprünglicher Philosophie. Musik soll in die Tasche passen, und sie stammte nicht von Philips.

Dass es Sony war, der den Walkman auf den Markt brachte, und nicht Philips, schmerzte Ottens noch Jahrzehnte später. „Der Walkman war die Anwendung überhaupt für die Audiokassette“, sagte er.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wurde der Walkman zum Katalysator des Kassetten-Booms. In den frühen 1980er Jahren hatte die Kassette in den USA einen Marktanteil von über 50 Prozent. Weltweit wurden bis zum Ende der Kassettenära schätzungsweise 100 Milliarden Stück verkauft.

Die Compact Cassette, ein Mann und zwei Revolutionen

Lou Ottens hat die Musikwelt zweimal verändert. Kaum hatte die Compact Cassette ihren Siegeszug begonnen, arbeitete er bereits am nächsten Projekt: Ende der 1970er Jahre war er bei Philips maßgeblich an der Entwicklung der Compact Disc beteiligt, die 1982 auf den Markt kam und die Kassette schließlich nach und nach immer mehr ablöste, zusammen mit nachfolgenden digitalen Lösungen für Musikformate.

Er selbst schien das nicht als Widerspruch zu empfinden. Für ihn war beides dasselbe: die Suche nach dem bestmöglichen Format für den Hörer.

In einem Interview aus dem Jahr 2013 sagte er: „Es hat lange gedauert, bevor ich verstanden habe, dass wir damals bei Philips eine Revolution in Gang gesetzt haben. Eigentlich realisiere ich das erst seit Kurzem.“ (Quelle: Zeit Online, 2013)

Lou Ottens starb am 6. März 2021 im Alter von 94 Jahren.

Was von der Kassette bleibt

Wenn ich heute einen Kassettenrekorder in die Hand nehme, dann denke ich manchmal daran, was dieses flache Plastikgehäuse alles ausgelöst hat. Die Möglichkeit, Musik aufzunehmen. Mixtapes für Freunde und Freundinnen. Das Warten vor dem Radio, mit dem Finger über der Aufnahmetaste. Eine ganz persönliche Beziehung zur Musik, die das Streaming bis heute nicht vollständig ersetzen kann.

Ob das alles ohne einen niederländischen Ingenieur und seinen Holzklotz in der Jackentasche so gekommen wäre? Wahrscheinlich nicht. Oder zumindest nicht so, wie wir es heute kennen und zum Teil selbst erlebt haben.

Übrigens:

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Über den Autor

Gerd Weichhaus beschäftigt sich seit vielen Jahren praktisch mit Elektronik, Reparaturtechnik und der Fehlersuche an elektronischen Geräten. Er ist außerdem Autor von mehreren Fachbüchern über Elektronik.

Viele der beschriebenen Ursachen und Lösungen basieren auf praktischen Erfahrungen aus der Reparaturpraxis. Mehr über den Autor