Warum Sony zunächst nicht an den Walkman glaubte
Der Sony Walkman gilt heute als eines der bekanntesten Geräte der Unterhaltungselektronik. Als der erste Walkman 1979 vorgestellt wurde, hielten viele das Konzept jedoch für unsinnig: ein tragbarer Kassettenspieler ohne Aufnahmefunktion und ohne Lautsprecher. Die Geschichte zur Entstehung des Walkmans zeigt, wie ein scheinbar unvollständiges Gerät das Musikhören weltweit verändern sollte.
Tokio, Frühjahr 1979.
Masaru Ibuka, Mitgründer von Sony, ist 71 Jahre alt und fliegt viel. Transatlantik, Transpazifik. Stundenlange Flüge, bei denen er gerne klassische Musik hört.
Das Problem ist nur: Seine Stereoanlage steht zuhause. Das tragbare Tonbandgerät, das er mit sich trägt, klingt mäßig. Und ein schweres Kassettengerät mit Lautsprecher im Flugzeug zu benutzen, kommt nicht in Frage.
Er spricht mit seinem Geschäftspartner Akio Morita über eine simple Idee: ein kleines Kassettengerät, das nur abspielt. Kein Aufnahmeknopf. Kein Lautsprecher. Nur Wiedergabe und ein Kopfhörer.
Moritas Reaktion? Skepsis. Die Reaktion der Sony-Ingenieure? Skepsis. Die Reaktion der Marketingabteilung? Noch mehr Skepsis.
Ein Gerät, das nicht aufnehmen kann. Das keine Lautsprecher hat. Das also per Definition weniger kann als alles andere auf dem Markt. Wer soll denn so etwas kaufen?
Warum der Walkman zunächst für unsinnig gehalten wurde
In der Konsumtechnik der 1970er galt ein ungeschriebenes Gesetz: Mehr ist besser. Mehr Funktionen, mehr Tasten, mehr Anzeigen. Ein Kassettengerät ohne Aufnahmefunktion war nicht „reduziert“, es war wie defekt. Zumindest aus Sicht des Marktes.
Morita dachte anders. Er sah nicht ein Gerät, das weniger kann. Er sah ein Gerät, das etwas Neues erlaubt: Musik überallhin mitzunehmen. Nicht als Hintergrundgeräusch, sondern vielmehr als persönliches Erlebnis, das nur für die eigenen Ohren bestimmt ist.
Die Entwicklung war technisch keine große Herausforderung. Sony hatte alle Teile bereits in anderen Produkten. Der TC-D5 war ein hochwertiger tragbarer Kassettenspieler. Man nahm ein abgespecktes Chassis, entfernte alles Unnötige, integrierte zwei Kopfhörerbuchsen und nannte das Ergebnis Walkman.
Intern gab es einen anderen Namen: Soundabout. Für Europa dachte man an Stowaway. In Japan: Walkman. Morita soll den Namen anfangs nicht gemocht haben. Zu simpel. Zu direkt. Kein elegantes Produktname-Englisch.
Er behielt ihn trotzdem.
Die Entstehung des Walkmans und der 1. Juli 1979
Der Walkman kommt am 1. Juli 1979 in Japan auf den Markt. Preis: 33.000 Yen – umgerechnet damals etwa 150 D-Mark. Sony hat intern 30.000 Stück als Ziel ausgegeben. Manche Mitarbeiter halten das zu der Zeit für zu optimistisch.
Zwei Monate später sind 30.000 Stück verkauft. Nicht im Jahr. Im Monat.
Was folgt, ist eine der erstaunlichsten Marktgeschichten der Unterhaltungselektronik. Bis Ende 1981 verkauft Sony über eine Million Walkman-Geräte. Bis Mitte der 1980er ist der Walkman das Symbol einer ganzen Generation geworden. Der Begriff geht in mehreren Sprachen in den Alltagswortschatz über, obwohl Sony die Marke hält und Konkurrenzgeräte offiziell anders heißen müssen.
In Deutschland, England, Spanien, Japan: Menschen in der U-Bahn mit Kopfhörern. Jogger mit Kassette. Das private Klangerlebnis in der Öffentlichkeit. Etwas, das vorher schlicht nicht existierte.
Warum die Compact Cassette perfekt zum Walkman passte
Man kann den Walkman nicht ohne die Compact Cassette verstehen. Die Kassette, 1963 von Philips entwickelt, war ursprünglich für Diktiergeräte gedacht. Kleine, handliche Bänder mit 1/8-Zoll-Breite. Qualitativ weit entfernt vom, was die großen Tonbandgeräte mit 1/4-Zoll-Band leisteten.
Aber die Kassette war handlich. Sie passte in jede Tasche. Sie war robust. Und als die Bandmaterialien und Aufnahmeverfahren in den 1970ern besser wurden (dank Chromdioxid, Metallbänder und Dolby-Rauschunterdrückung), schloß die Qualitätslücke sich merklich.
Als der Walkman kam, war die Kassette also bereits etabliert. Millionen von Menschen hatten Platten zuhause und kauften sich dieselbe Musik auch auf Kassette, um sie überallhin mitzunehmen. Die Kassette wurde zum ersten portablen Privatmedium der Geschichte.
Und der Walkman war der Apparat, der dieses Medium auf die Straße brachte.
Die Entstehung des Walkmans und was übrig bleibt
Akio Morita wurde später gefragt, was er als seinen größten Fehler betrachte. Er nannte mehrere Dinge. Der Walkman war nicht dabei.
Was an dieser Geschichte bemerkenswert ist, hat wenig mit Technik zu tun. Es ist die Entscheidung, einen Schritt zurückzugehen. Weniger Funktionen. Mehr Fokus. Und damit etwas zu ermöglichen, das vorher undenkbar war.
Das kleine Kassettengerät, das Menschen heute noch auf Flohmärkten finden, das Generationen von Teenagern mit Mixtapes verbindet, das Joggen zu einem Klangerlebnis gemacht hat, es begann damit, dass ein 71-jähriger Mann auf langen Flügen bessere Musik hören wollte.
Und damit, dass jemand diesen Wunsch ernst genommen hat.
Haben Sie noch einen Walkman? Oder eine Kassette, die Sie damals aufgenommen haben? Schreiben Sie es gerne in die Kommentare.
Eine ausführliche technische Betrachtung des Walkman finden Sie hier.
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Über den Autor
Gerd Weichhaus beschäftigt sich seit vielen Jahren praktisch mit Elektronik, Reparaturtechnik und der Fehlersuche an elektronischen Geräten. Er ist außerdem Autor von mehreren Fachbüchern über Elektronik.
Viele der beschriebenen Ursachen und Lösungen basieren auf praktischen Erfahrungen aus der Reparaturpraxis. Mehr über den Autor

