Oder: Wie ein Soldat in den Trümmern Frankfurts die Musikgeschichte veränderte
Die Geschichte der modernen Tonbandtechnik beginnt nicht in einem Musikstudio. Sie beginnt 1945 in den Trümmern Frankfurts, in einem beschädigten Rundfunkgebäude, das kaum noch steht.
Dort stößt Jack Mullin, Toningenieur der US-Armee, auf ein deutsches AEG Magnetophon. Ein Gerät, das er so nicht kennt. Er schaltet das Gerät ein und hört etwas, das ihn sofort innehalten lässt: Orchesterklang, so klar und rauscharm, dass er sich instinktiv umsieht. Irgendwo muss jemand spielen. Aber da ist niemand. Nur ein laufendes Band.
Was Mullin in diesem Moment nicht weiß: Er hält die Technik in den Händen, die den amerikanischen Rundfunk, die Musikproduktion und letztlich die gesamte Audiotechnik verändern wird. Bing Crosby wird davon profitieren. Frank Sinatra. Les Paul. Die Beatles.
Doch in diesem Frühjahr 1945 ist er einfach ein Soldat in einem zerstörten Gebäude, der ein fremdes Gerät in Betrieb genommen hat und nicht mehr aufhören kann zu lauschen.
Frankfurt 1945: Der Moment, in dem Jack Mullin das Magnetophon hört
Frankfurt, Frühjahr 1945.
Die Stadt liegt in Trümmern. Fenster ohne Scheiben. Dächer ohne Ziegel. Und mittendrin: ein Rundfunkgebäude, dessen Wände noch stehen.
Jack Mullin betritt das Gebäude nicht als Besucher. Er arbeitet für das US-Militär und soll deutsche Funk- und Audiotechnik untersuchen. Eigentlich erwartet er beschädigte Geräte, unbrauchbare Technik und vielleicht einige interessante Bauteile.
Doch dann entdeckt er ein Gerät mit großen Spulen.
Ein Magnetophon.
Mullin setzt die Maschine in Betrieb und hört kurze Zeit später Musik.
Nicht blechern. Nicht verzerrt. Und auch nicht wie eine typische Aufnahme aus dieser Zeit.
Sondern erstaunlich klar und lebendig.
Der Klang wirkt so realistisch, dass Mullin zunächst glaubt, irgendwo im Gebäude müsse ein Orchester spielen. Doch da ist niemand.
Nur das laufende Magnetband.
Und die Stille eines zerstörten Radiosenders.
Warum die deutsche Magnetbandtechnik den Alliierten überlegen war
In den USA galt damals praktisch eine feste Regel: Gute Radiosendungen mussten live sein.
Die vorhandenen Aufnahmeverfahren konnten qualitativ nicht überzeugen. Schallplattenaufnahmen und Drahtrekorder klangen oft verrauscht, verzerrt und flach. Für hochwertige Rundfunksendungen waren sie kaum geeignet.
Deshalb spielten Orchester manche Programme sogar zweimal. Einmal für die Ostküste und später noch einmal für die Westküste.
In Deutschland war die Technik bereits deutlich weiter.
Das AEG Magnetophon mit deutschem Magnetband von BASF und AGFA wurde seit den frühen 1940er-Jahren im Rundfunk eingesetzt. Die Klangqualität war für damalige Verhältnisse außergewöhnlich.
Alliierte Beobachter gingen deshalb zunächst oft davon aus, bestimmte Sendungen seien live. Erst später fiel auf, dass manche Reden und Musiksendungen exakt und absolut identisch wiederholt wurden, und das bis hin zu jeder Pause.
Das war kein Liveprogramm.
Es war Magnetbandtechnik.
Und genau diese Technik hielt Jack Mullin nun in den Händen.
Warum das Magnetophon so besonders war
Das Besondere am deutschen Magnetophon war nicht nur das Magnetband selbst. Entscheidend für die gute Aufnahmequalität war eine technische Entwicklung, die heute oft vergessen wird: die Hochfrequenz-Vormagnetisierung.
Dabei wurde dem Audiosignal eine hochfrequente Wechselspannung überlagert. Dadurch ließ sich das Magnetband deutlich besser aussteuern. Verzerrungen und Rauschen gingen stark zurück, wobei gleichzeitig die Klangqualität spürbar besser wurde.
Frühere Magnettonverfahren klangen oft dumpf und unnatürlich. Erst durch diese Hochfrequenz-Vormagnetisierung wurde die Magnetbandaufnahme wirklich hochwertig.
Mehr zum Thema Vormagnetisierung und was es damit auf sich hat, können Sie in diesem Beitrag über die Vormagnetisierung von Tonbändern bei der Aufnahme nachlesen.
Genau dieser Unterschied überraschte Jack Mullin so sehr, als er das Magnetophon zum ersten Mal hörte.
Jack Mullin bringt das Magnetophon nach Amerika
Mullin erkennt sofort, dass diese Geräte revolutionär sind.
Er nimmt schließlich zwei Magnetophon-Maschinen sowie zahlreiche Magnetbänder mit in die USA.
Dort beginnt er monatelang zu experimentieren. Er verbessert die Elektronik, passt die Geräte an amerikanische Standards an und optimiert die Mechanik.
Im Mai 1946 präsentiert Jack Mullin die überarbeitete Magnetbandtechnik vor Ingenieuren der Audio Engineering Society in Hollywood.
Die Reaktion ist überwältigend.
Viele Zuhörer können kaum glauben, dass sie eine Aufnahme hören.
Unter den Interessierten befindet sich wenig später auch Bing Crosby.
Bing Crosby erkennt das Potenzial der Tonbandtechnik
Bing Crosby gehört damals zu den größten Radiostars Amerikas. Gleichzeitig hasst er den starren Livebetrieb des Radios.
Er möchte Sendungen vorproduzieren, reisen und flexibler arbeiten. Doch die vorhandenen Aufnahmeverfahren liefern damals noch lange nicht die gewünschte Qualität.
Als Crosby das Magnetophon hört, erkennt er sofort das Potenzial.
Er bestellt mehrere Geräte und investiert in die Weiterentwicklung der Technik.
Damit beginnt ein entscheidender Wendepunkt in der amerikanischen Audiogeschichte.
Plötzlich wird hochwertiger Rundfunk durch das Tonband möglich.
Sendungen müssen nicht mehr zwingend live produziert werden.
Und das verändert die gesamte Branche.
Wie Ampex, Les Paul und die Beatles von der Magnetbandtechnik profitierten
Durch Crosbys Unterstützung entwickelt die Firma Ampex die ersten amerikanischen Profi-Bandmaschinen.
Interessantes Detail
Der Name „Ampex“ geht übrigens auf den Gründer Alexander M. Poniatoff zurück. Das Firmenkürzel bedeutete ursprünglich „Alexander M. Poniatoff Excellence“.
Eines dieser Geräte landet später bei Les Paul.
Der Musiker und Tüftler experimentiert intensiv mit der Technik. Er baut Geräte um, ergänzt zusätzliche Tonköpfe und entwickelt daraus frühe Mehrspuraufnahmen.
Damit entsteht eine Technik, die später die moderne Musikproduktion prägen sollte.
Nun konnten Instrumente und Stimmen einzeln aufgenommen und später kombiniert werden.
Ohne diese Entwicklung wären viele berühmte Studioaufnahmen der Musikgeschichte kaum denkbar.
Später arbeiten Künstler wie Frank Sinatra, Elvis Presley und die Beatles mit Bandmaschinen und Mehrspurtechnik.
Das Tonband wird so zum wichtigsten Herzstück moderner Tonstudios.
Wussten Sie schon?
Die berühmte rote Aufnahmetaste vieler Kassettenrekorder geht letztlich auf professionelle Studiotechnik zurück, die sich durch die Verbreitung der Magnetbandtechnik etablierte.
Warum moderne Musik ohne Tonband kaum denkbar wäre
Viele Dinge, die heute selbstverständlich erscheinen, wurden erst durch die Magnetbandtechnik möglich.
Musiker konnten Aufnahmen schneiden, Fehler korrigieren oder mithilfe der Mehrspurtechnik einzelne Instrumente nacheinander aufnehmen. Produzenten begannen plötzlich, Klang aktiv zu gestalten, statt nur eine Aufführung mitzuschneiden.
Damit veränderte sich nicht nur die Technik.
Auch Musik selbst veränderte sich.
Studioaufnahmen wurden kreativer, komplexer und experimenteller. Ohne sie Tonband- und Magnetophontechnik wären viele berühmte Produktionen der 1960er- und 1970er-Jahre kaum möglich gewesen.
Und all das beginnt letztlich mit einem amerikanischen Toningenieur, der 1945 in einem zerstörten Frankfurter Rundfunkgebäude ein deutsches Magnetophon einschaltet.
Wussten Sie schon?
Die Beatles experimentierten später damit, Tonbänder rückwärts abzuspielen, ein Effekt, der ohne Magnetbandtechnik niemals möglich gewesen wäre.
Warum die Geschichte von Jack Mullin bis heute wichtig ist
Die meisten heutigen Tonbandgeräte, Kassettendecks und Bandmaschinen arbeiten noch immer nach denselben Grundprinzipien.
Ein Magnetkopf schreibt Informationen auf ein Magnetband. Ein anderer liest sie wieder aus.

Dazwischen entstehen Musik, Sprache und Erinnerungen.
Vielleicht steht bei Ihnen heute kein AEG Magnetophon mehr. Vielleicht ein Grundig, ein Revox, ein UHER oder ein AKAI.
Doch die technische Idee dahinter ist dieselbe.
Und genau deshalb steckt in vielen alten Bandgeräten deutlich mehr Geschichte, als man zunächst vermutet.
Wenn Sie das nächste Mal ein Tonbandgerät einschalten und das Band langsam an den Köpfen vorbeiläuft, hören Sie nicht nur Technik.
Sondern auch ein Stück Audiogeschichte.
Vielleicht liegt genau darin bis heute die besondere Faszination von Tonbandgeräten.
Man sieht, wie die Aufnahme entsteht.
Man hört die Mechanik arbeiten.
Und man weiß, dass sich auf diesem schmalen Band echte Stimmen und Momente befinden, die oft Jahrzehnte überdauern.
Wer mehr über die Entwicklung der Audiotechnik erfahren möchte, findet viele dieser Zusammenhänge auch im Buch Vom Phonograph zum Stream.
Haben Sie von Jack Mullin vorher schon gehört? Schreiben Sie es gerne in die Kommentare.
Und wenn Sie die Entstehung des Walkmans interessiert, schauen Sie hier rein.
Über den Autor
Gerd Weichhaus beschäftigt sich seit vielen Jahren praktisch mit Elektronik, Reparaturtechnik und der Fehlersuche an elektronischen Geräten. Er ist außerdem Autor von mehreren Fachbüchern über Elektronik.
Viele der beschriebenen Ursachen und Lösungen basieren auf praktischen Erfahrungen aus der Reparaturpraxis. Mehr über den Autor


Sehr geehrter Herr Weichhaus,
ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, das auf Ihrer Seite „Geschichten und Anekdoten über Kassettengeräte und Tonbandtechnik“ die Verlinkung auf die Geschichte von Jack Mullin und das Megaphon falsch ist. Auf dieser Seite weist die Verlinkung auf die, auf der gleichen Seite zu findende Geschichte des Walkmans.
Davon abgesehen finde ich Ihre Tonbandseiten sehr spannend und lehrreich und hoffe, das Sie diese Internetseite noch lange weiterbetreiben.
Ich selbst verfüge über ein Grundig TK2200, ein Braun TG1000, 2 Tandberg TD20A und diverse Kassettenrekorder.
Mit freundlichem Gruß
Michael Clemens
Hallo Herr Clemens,
danke für den Hinweis, ist schon „repariert“. Es freut mich, dass Ihnen die Webseite gefällt. Viel Freude mit Ihren Tonbandgeräten und auf der Bandmaschinenseite.
Beste Grüße
Gerd Weichhaus