50 Jahre VHS-Kassette: Ausleihen, Anschauen und das Zurückspulen nicht vergessen!

Etwa mittags, direkt nach der Schule, stand ich im Wohnzimmer vor dem Videorekorder. Das Gerät war noch vom Wochenende her da, ausgeliehen zusammen mit ein paar Kassetten mit Actionfilmen. Kurz nach dem Starten und dem Einfädeln des Bandes durch die Mechanik des Gerätes setzten sich die Bandspulen langsam in Bewegung, einen Moment später erschien das Bild auf dem Schirm.

Das war irgendwann gegen Mitte der 80er Jahre. Damals war das Ausleihen von Videokassetten in der örtlichen Videothek was ganz normales. Man suchte sich nicht einfach einen Film aus, es war damals ein Erlebnis, das Kino quasi nach Hause zu holen. Denn wer noch keinen eigenen VHS-Rekorder besitzt, leiht sich damals neben den Kassetten einfach das Abspielgerät gleich mit dazu aus.

Mit dem Fernseher verbunden wird der Videorekorder anfangs über das Antennenkabel, und für einen Abend gehört uns ein Stück Kino im eigenen Wohnzimmer. Ich erinnere mich genau an dieses Gefühl der Erwartung, wenn das Gerät surrend hochfährt und das Band startet.

Das Ausleihen mit Gerät war für viele Familien der erste Kontakt zur Videotechnik überhaupt. Erst ein paar Jahre später stand dann auch ein Rekorder dauerhaft im Wohnzimmer.

Genau an diesem Punkt beginnt meine eigene Geschichte mit einer Technik, die vor 50 Jahren ihren Anfang nahm und die ich seither knapp 40 Jahre lang hautnah miterlebt habe.

Das Video Home System (VHS) aus Japan

Am 9. September 1976 stellt der damalige JVC-Präsident im Hotel Okura in Tokio ein neues Aufnahmesystem vor, VHS mit dem Videorekorder HR-3300. Niemand ahnt an diesem Abend, welche Wirkung dieses Gerät in den kommenden Jahrzehnten auf die Freizeit der Menschen überall auf der Welt haben wird. Es dauert noch zwei weitere Jahre, bis das erste VHS-Gerät auch in Deutschland zu kaufen ist. Genau pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien wittern die Hersteller ihre Chance.

Jetzt beginnt der berühmte Formatkrieg. Sonys Betamax tritt an, Grundig und Philips bringen Video 2000 ins Rennen, und JVC setzt auf VHS.

Am Ende gewinnt nicht unbedingt die beste Bildqualität, sondern das pragmatischste Konzept. VHS-Kassetten bieten genug Laufzeit für einen kompletten Spielfilm, und JVC öffnet seine Erfindung großzügig für andere Hersteller. Das sorgt dafür, dass sich das Angebot rasant vergrößert, und ein großes Angebot zieht wiederum mehr Käufer an. Ein Kreislauf, der die Konkurrenz schließlich verdrängt.

Alt Text: Zwei historische Videokassettenformate: eine Philips Video 2000 Kassette und eine Kodak VHS-Kassette mit sichtbaren Magnetbandspulen.
Zwei Formate von Videokassetten: oben Video 2000, unten eine VHS-Kassette

Warum ein Videorekorder eine völlig andere Herausforderung war

Wer sich wie ich schon früh mit Bandmaschinen und Tonbandtechnik beschäftigt hat, sieht sofort den Unterschied, sobald man in einen Videorekorder hineinschaut. Bei einer klassischen Tonbandmaschine bewegt sich das Band an zwei oder drei feststehenden Köpfen vorbei. Das reicht für ein Audiosignal völlig aus. Ein Bildsignal braucht jedoch eine viel höhere Bandbreite, und genau hier beginnt die eigentliche Ingenieursleistung des VHS-Systems.

Statt das Band nur geradlinig an einem stehenden Kopf vorbeizuziehen, wickeln die Entwickler es schräg um eine rotierende Kopftrommel. Diese Trommel dreht sich extrem schnell und schreibt die Bildinformation in schrägen Spuren aufs Band, während sich das Band selbst viel langsamer weiterbewegt.

Erst durch diesen Trick lässt sich überhaupt genug Information unterbringen, um ein flüssiges, farbiges Bewegtbild zu erzeugen. Mir war das damals als Jugendlicher natürlich nicht bewusst. Ich wusste nur, dass in diesem Gerät offenbar deutlich mehr Mechanik und Elektronik steckte als in jedem Kassettenrekorder, den ich bis dahin kannte. Diese Komplexität dürfte auch heute vielen Besitzern eines alten VHS-Geräts nicht wirklich klar sein.

Mein erster eigener Videorekorder war kaputt

Meinen ersten eigenen Rekorder bekam ich nicht neu und funktionstüchtig, sondern als defektes Gerät geschenkt. Ich nahm ihn auseinander, suchte den Fehler und brachte ihn nach vielen Stunden des Verstehens der Technik und Mechanik wieder zum Laufen. Es war eines dieser Erlebnisse, die mein Interesse für Elektronik und Reparaturtechnik mitgeprägt haben.

Das Gerät lief danach noch einige gute Jahre, bis ein neuerer Rekorder mit HiFi-Stereo-Ton bei mir einzog und den alten ablöste.

Der Elektroingenieur Semir Nouri, der noch heute einen frühen HR-3300 im Wohnzimmer stehen hat, beschreibt dieses Gefühl treffend. Er sagt, es sei etwas Besonderes gewesen, einen Videorekorder zu besitzen, und das habe ein Stück Freiheit bedeutet. Genau dieses Gefühl kann ich unterschreiben. Man konnte plötzlich selbst bestimmen, wann man fernsieht, welchen Film man schaut und musste sich nicht mehr nach dem starren Fernsehprogramm richten. Diese Freiheit war damals eine kleine Revolution im Wohnzimmer.

Die Videothek als Treffpunkt und Abenteuer

Videotheken werden in den 80er und 90er Jahren zu echten Institutionen. Ein unentschlossener Abend endet fast automatisch mit dem Satz, man könne ja noch in die Videothek gehen und ein paar Filme ausleihen. Die Auswahl wächst von Jahr zu Jahr, doch die begehrten Titel sind oft schon verliehen, sodass nur die leere Hülle im Regal übrig bleibt.

Wer eine Kassette zu spät zurückbrachte oder vergaß, das Band vorher zurückzuspulen, musste mit einer kleinen Strafgebühr rechnen. Manche Videotheken hatten dazu eine ganz eigene Atmosphäre. Der Videothekar Ralf Stadler, der die älteste Videothek der Welt im hessischen Kassel betreibt, erinnert sich an geselliges Rauchen und Trinken direkt an der Ladentheke. Er nennt diese Läden treffend eine Kneipe plus.

Ein Drittel des Umsatzes machten manche Videotheken zeitweise sogar mit Erwachsenenfilmen, versteckt hinter einem diskreten Vorhang, während vorne die Familienregale mit Komödien und Actionfilmen gefüllt waren.

Vom Video 2000 über die VHS-Kassette bis zum offenen Bandgerät

Heute stehen bei mir mehrere Zeitzeugen dieser Ära im Regal, und keiner davon ist reiner Zierrat. Neben einem klassischen VHS-Rekorder besitze ich einen AKAI VT100 aus den frühen 70er Jahren, also aus der Zeit noch vor VHS. Dazu kommt ein genau wie der VT100 offenspuliges Videogerät, ganz ähnlich wie man es sonst nur von klassischen Tonbandmaschinen kennt. Und schließlich habe ich noch einen Philips VR2023 Video-2000-Rekorder von 1982, also genau jenes System, das im Formatkrieg gegen VHS am Ende unterlag.

Diese Geräte nebeneinander zu betrachten, zeigt sehr anschaulich, wie unterschiedlich die Hersteller das gleiche Problem lösten. Manche setzten auf einfache Kassetten, andere blieben lange bei offenen Spulen, und jeder Hersteller verfolgte eigene Ideen zur Bandführung. Erst im direkten Vergleich wird deutlich, warum sich am Ende ausgerechnet das pragmatischste und offenste System durchsetzte, nämlich VHS.

Mehrere Videokassetten verschiedener Formate wie VHS, VCR, Video 8 und Mini DV
VHS-Kassette, eine Kassette des Formats VCR, eine kleine Sony Video-8-Kassette und eine Kassette für digitales Video Mini DV

Das langsame Ende der VHS-Kassette und einer ganzen Ära

Die Digitalisierung beendet Anfang der 2000er Jahre schrittweise die Herrschaft der analogen Videokassette. Die DVD erobert zunächst die Videotheken, dann die heimischen Wohnzimmer, und die klassische VHS-Kassette verschwindet nach und nach aus den Regalen. JVC stellt die Produktion seiner Rekorder im Jahr 2008 ein.

Der letzte VHS-Rekorder überhaupt läuft 2016 vom Band, ausgerechnet dort, wo alles begann, nämlich in Japan.

Für mich schließt sich damit ein Kreis, den ich fast vollständig miterlebt habe. Von der ersten Ausleihe mitsamt Abspielgerät über den reparierten ersten eigenen Rekorder bis hin zur heutigen kleinen Sammlung unterschiedlicher Systeme. Wer heute eine alte VHS-Kassette in die Hand nimmt, hält damit weit mehr als nur ein Stück Plastik und Magnetband. Er hält ein Stück Mediengeschichte, das über Jahrzehnte hinweg bestimmt hat, wie wir fernsehen, wie wir Filme erleben und wie selbstverständlich uns heute der Zugriff auf bewegte Bilder erscheint.

Vielleicht liegt genau darin bis heute der besondere Reiz dieser alten Geräte. Man hört die Mechanik arbeiten, man sieht die Bandspulen sich drehen, und man weiß, dass auf diesem schmalen Streifen Magnetband tatsächlich ein ganzer Film steckt.

Nach fast 40 eigenen Jahren mit der VHS-Kassette bleibt bei mir vor allem eines hängen: der Moment, in dem ein defektes Gerät wieder zu laufen begann und mir damit ein Stück Freiheit beim Fernsehen schenkte.

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Über den Autor

Gerd Weichhaus beschäftigt sich seit vielen Jahren praktisch mit Elektronik, Reparaturtechnik und der Fehlersuche an elektronischen Geräten. Er ist außerdem Autor von mehreren Fachbüchern über Elektronik.

Viele der beschriebenen Ursachen und Lösungen basieren auf praktischen Erfahrungen aus der Reparaturpraxis. Mehr über den Autor

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